Wo die Schwerkraft eine Pause macht – unser erstes Netzwerktreffen führt nach Bremen

Mai 19, 2026 | Netzwerktreffen

Es gibt einen Raum in Bremen, in dem die Zeit anders vergeht. 4,74 Sekunden, um genau zu sein. So lange dauert es, bis eine Forschungskapsel in einem evakuierten Stahlrohr 123 Meter weit nach unten gefallen ist – und in diesen wenigen Sekunden geschieht, wofür andere Forscher ein Ticket zur Internationalen Raumstation lösen müssten: echte Mikrogravitation. Mitten in Deutschland.

Am 28. Mai treffen wir uns dort. Nicht im Fallrohr selbst – das bleibt der Forschung vorbehalten – wohl aber an einem der ungewöhnlichsten Orte, an denen ein Aerospace-Netzwerk tagen kann.

Warum Bremen? Weil es sich nicht aufdrängt.

Bremen trägt seine Bedeutung leise. Während Toulouse als europäische Raumfahrthauptstadt gilt, arbeitet die Hansestadt im Hintergrund an dem, was den Kontinent ins All bringt: Teile der Ariane-Raketen entstehen hier, das Columbus-Modul der ISS kam von hier, rund 12.000 Menschen sind in der Region in der Luft- und Raumfahrt beschäftigt. Damit ist Bremen, nüchtern betrachtet, der zweitgrößte Raumfahrtstandort Europas.

„Manche Orte muss man besuchen, um zu verstehen, woran Europa eigentlich arbeitet. Bremen ist so ein Ort.“

Vormittag: DFKI – arbeiten, wo Roboter den Mond proben

Unser Gastgeber ist das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) – eines der weltweit führenden Häuser seiner Disziplin, mit über 1.400 Mitarbeitenden. In Bremen unterhält das DFKI sein Robotics Innovation Center, und dort eine Halle, die jeden Besucher kurz innehalten lässt: Auf rund 288 Quadratmetern erstreckt sich eine künstliche Mondlandschaft. Krater, Hänge, Geröll. Hier proben autonome Rover den Ernstfall, lange bevor sie eines Tages tatsächlich über einen fremden Himmelskörper rollen.

Vor dieser Kulisse arbeiten wir. Die Räume bieten genau das, was wir brauchen: Platz für parallele Workshops, kurze Wege und eine Atmosphäre, die Gespräche eher trägt als bremst.

Nachmittag: ZARM – ein Blick hinter eine Tür, die sonst geschlossen bleibt

Am Nachmittag wechseln wir den Schauplatz, ohne weit gehen zu müssen. Das ZARM – Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation – liegt in Sichtweite. Sein 146 Meter hoher Fallturm ist seit 1990 das Wahrzeichen des Bremer Technologieparks.

Was hier geschieht, hat etwas Paradoxes: Forschung unter Bedingungen wie im Orbit, erzeugt durch nichts anderes als einen sehr klugen Umgang mit der Schwerkraft. Eine

evakuierte Fallröhre, eine Kapsel im freien Fall, bis zu 9,3 Sekunden Schwerelosigkeit – und eine erreichte Mikrogravitation von 10⁻⁶ g. Nahezu null.

Für unser Netzwerk öffnet sich an diesem Nachmittag eine Tür, die im regulären Besucherprogramm geschlossen bleibt: eine exklusive Führung durch Fallkapsel, Katapultsystem und Steuerzentrale. Nicht der touristische Blick, sondern der fachliche.

Warum wir uns die Mühe machen

Man könnte ein Netzwerktreffen einfacher organisieren. Hotel, Konferenzraum, Pausenkaffee, fertig. Doch Räume prägen Gespräche. Wer in einer Mondlandschaft über Kooperationen spricht, denkt anders, als wer, der im Konferenzraum darüber spricht. Und wer den ZARM von innen gesehen hat, hat danach eine Geschichte zu erzählen – das ist es, was Netzwerke zusammenhält, wenn der offizielle Teil längst vorbei ist.

Der Countdown läuft.